Grüne Energie

Dirk Driesang

private Webseite

Don Quichotte

So lautet ein bekanntes klassisches Ballett, das auf dem noch bekannteren Cervantes (1547 bis 1616) Roman basiert. Der berühmte Ritter kämpft darin gegen Windmühlen, die er für Riesen hält. Bereits die Lebensgeschichte des Autors, selbst dem verarmten Adel entstammend, bei der Seeschlacht von Lepanto an einer Hand verkrüppelt, auf dem Heimweg von algerischen Seeräubern verschleppt und anschließend für fünf Jahre ins Gefängnis geworfen, um endlich von Trinitariermönchen, einem einst am Ende des 12. Jahrhunderts zu genau diesem Zweck gegründeten Orden, freigekauft zu werden, ist spannend.

Als ich neulich durch ein wunderschönes Tal fuhr, erlebte ich am Talende, nachdem die Straße sich in eine gewisse Höhe gewunden hatte, eine unschöne Überraschung. Naturgemäß weitete sich dort nämlich der Blick, und eine Unzahl an Windrädern wurde sichtbar, eines neben dem anderen auf den oft windreichen Höhenzügen der Gegend aufgereiht. Der Kontrast zum eben durchfahrenen, recht naturbelassenen Tal hätte kaum größer sein können. Und da musste ich spontan an Cervantes und seinen Helden Don Quichotte denken, denn auch ich hatte das bestimmte Gefühl, gegen "Windmühlen" kämpfen zu müssen. Gewiss, das Image der Windräder ist kühn und gut, allerdings liefern sie nur unregelmäßig Strom, die Energiedichte ist dabei relativ gering, ihr Erntefaktor bewegt sich zwischen 7 und 14, ihre Hinterlassenschaften müssen zum Sondermüll, ihr Wald ist fortan Industriegebiet und ihr Infraschall lässt, während Vögel und Insekten geschreddert werden, die Anwohner nicht schlafen. Ist es also unziemlich, wenn ich die Frage stelle, ob es nichts besseres gibt oder zumindest geben könnte?



Woher nehmen?


Natürlich bin auch ich immer gegen Atomkraft gewesen, weil der sichere Umgang mit radioaktiv strahlendem Abfall aufgrund der teilweise sehr langen Halbwertszeiten einiger Zerfallsprodukte über mehr als 100 000 Jahre kaum oder nicht zu gewährleisten ist. Das habe ich gegenüber den kommenden Generationen immer als unverantwortlich abgelehnt. Schließlich wurden diese nie gefragt, ob sie sich der strahlenden Gräber auch annehmen wollten. Andererseits bietet die Atomkraft eben das, was die modernen Gesellschaften dringend benötigen, nämlich sehr viel jederzeit zur Verfügung stehende Energie, die nach geltendem Konsens nicht die CO 2 Bilanz verhageln sollte. Ein Erntefaktor von 7 ist für Entwicklungsländer typisch, für Industrieländer ist das jedoch zu wenig; da hat der herkömmliche Atomreaktor bereits einiges mehr zu bieten, nämlich einen Erntefaktor 75 bis 110. Und wenn es nun einen Reaktortypen gäbe - ich frage ja nur - der langfristig sicher produzierte, billige Energie in Unmengen lieferte, dabei hauptsächlich strahlenden Abfall "verbrennt" und dadurch zugleich binnen 100 bis 300 Jahren entsorgte? Natürlich klingt das wie eine phantasievoll erzählte Cervantes Geschichte, wie ein Märchen, zu schön um wahr zu sein. 

Und doch gibt es Wissenschaftler, die soetwas behaupten. Sie wollen diese eierlegende Wollmilchsau, die die Energieprobleme der Menschheit für zig millionen von Jahren lösen würde, gefunden haben. Der "Zwei Flüssigkeiten Reaktor", englisch dual fluid reactor, oder kurz DFR Reaktor soll all das bieten, was der ökologisch und ökonomisch denkende Mensch sich wünscht. Es klingt zu schön um wahr zu sein, aber ein prognostizierter Erntefaktor von 2000 bis ggf 5000, die Kilowattstunde für weniger als 1 ct und das gelöste Endlagerproblem sollten hellhörig machen. Die Gegner des Konzeptes berufen sich auf Probleme, die ein entfernter Verwandter aus den 60er Jahren hatte, denn bereits damals hatte man flüssiges Salz als Trägermaterial in Kernreaktoren eingesetzt, konnte aber auch aufgrund von Korrosionsproblemen diesen Weg nicht weiter beschreiten; andere munkeln, die USA hätten diesen Reaktortypen fallengelassen, weil darin kein waffenfähiges Material erbrütet worden sei. Im modernen Ansatz wird der innere Salzkreislauf des Kraftwerks mit einem getrennten zweiten, ebenfalls flüssigen Kreislauf kombiniert. Gewaltige, schnell umlaufende Ströme von flüssigem Blei (4 Kubikmeter pro Sekunde!) sollen die Energie bei ca 1000 Grad Celsius abtransportieren und klassisch mittels Dampfturbinen verwerten. Aufgrund eines selbstregulierenden Mechanismus soll ein Reaktor GAU unmöglich sein, die moderne Materialwissenschaft habe das Korrosionsproblem gelöst. Der gesamte in eine Betonhülle gegossene Block wird nach ca 100 Jahren Nutzung zum Grab und Endlager. Im Unterschied zur klassischen Reaktortechnik entstehen jedoch während des Prozesses Stoffe mit relativ kurzer Halbwertszeit. Was also übrig bleibt soll nach 100 Jahren ungefährlich sein und nach 300 Jahren Umgebungsstrahlung haben.

"Gehirn" und geniale Spezialität einer solchen Anlage wäre eine ständig arbeitende Einheit, die im laufenden Prozess das Reaktorsalzgemisch kontrolliert und richtig mixt. Während klassische Kernkraftwerke heruntergfahren werden müssen und in einem langwierigen Verfahren neue Brennstäbe erhalten, kann dieser Vorgang kontinuierlich erfolgen, weil das Trägermaterial flüssig ist und im Kreislauf zirkuliert. 

Wird das funktionieren?

Wirklich seriös kann das aktuell niemand beantworten, da es sich um ein komplexes und in dieser konkreten Anwendung auch neues Gebiet handelt. Es wird Schwierigkeiten geben, ganz bestimmt, die gab es auch auf dem Weg der Menschheit zum Mond. Jedoch sagen Physiker, daß es theoretisch funktionieren kann. Hier setzt der zweite Kritikpunkt der interessierten, landschaftsverschandelnden, umweltverschmutzenden, technik- und naturfeindlichen Windlobby an, denn es gibt tatsächlich aktuell nirgends einen DFR-Prototypen, nicht einmal einen nichtnukleare Versuchsaufbau, auch nicht beim Generation IV Projekt der EU. Und in ihren Stellungnahmen lässt die genannte Lobby recht zynisch zwischen den Zeilen durchblicken, daß sie solch einen notwendigen ersten Schritt zu verhindern weiß. Es grinst einen böse an, das dauergute Gewissen. Das alte Maultier Rosinante und den verrückt-weisen Ritter Don Quichotte, dessen Schöpfer einst half, die "unbesiegbaren Osmanen" zu besiegen und von Mauren gefangengehalten wurde, ficht das nicht an.

Was geht - was ginge?

Einmal querdenken hilft. Was wäre wenn - der DFR funktioniert und weithin in Serie ginge? Das wäre ein epochaler Umbruch, ein Quantensprung. Energie im Überfluss für alles und alle, der Phantasie freien Lauf. Endlich kann man Wasserstoff in Elektrolyse massenhaft und günstig herstellen und muss nicht mehr Lithium aufwendig, naturvernichtend abbauen und in schweren Batterien durch die Gegend fahren. Wer meint, es gäbe zuviel CO 2 in der Atmosphäre, der kann dies mittels dieser Energie daraus herausfiltern und einlagern oder in synthetische Kohlenstoffe umwandeln. Wer in der Wüste Süßwasser braucht, kann es aus Meerwasserentsalzungsanlagen massenhaft und billig dorthin leiten. Es grünt endlich wirklich.

Und wenn nicht?

Wir haben gelegentlich schon sehr viel Geld in den Sand gesetzt, und ja, es kann sich schließlich herausstellen, dass der DFR nicht funktioniert. Aber der Euro funktioniert auch nicht und bekommt trotzdem jährlich Milliarden in seinen gierigen Rachen gestopft. Es spricht also nichts dagegen und vieles dafür, es mit dem Konzept zumindest zu versuchen. Was ein DFR-Probereaktor kosten würde - nämlich ca 10 Milliarden Euro - das kauft die EZB in zwei oder drei Tagen an maroden Staatsanleihen auf. Nur Mut, fortes fortuna adiuvat. Ritter Don Quichotte wusste noch, was das heißt und vor allem was es bedeutet.

Hier noch zwei weiterführende Links, der erste mit etwas naturwissenchaftlichem Hintergrund zu dieser Bruttechnik und der zweite zu einem russischen "Schnellen Brüter":

https://nuklearia.de/2012/05/28/mit-brutern-zu-unbegrenzter-energie/


https://www.ingenieur.de/technik/fachbereiche/energie/schneller-brueter-in-russland-laeuft-jetzt-voller-leistung/